Ergebnisse der großen Studierenden-Studie​

Jeder zweite hat einen Nebenjob und will in der Heimat bleiben – so ticken die Studierenden im Saarland​

Woher kommen die Studierenden im Saarland, wie finanzieren sie sich und wie (un-)politisch sind sie? Eine neue Studie der Kooperationsstelle Wissenschaft und Arbeitswelt (KoWa) liefert erwartbare Ergebnisse – aber auch einige Überraschungen.​

Von Christoph Schreiner

Im Saarland beziehen nur 12 Prozent der Studierenden BAföG. Die Mehrheit wohnt noch zuhause: Die beiden großen Hochschulen – die Universität des Saarlandes und die Saarbrücker htw – sind also klassische Heimathäfen.​ Foto: dpa/Uwe Anspach

Viele – doch nicht alle – Ergebnisse sind wenig überraschend: Einmal mehr wissen wir nun erstens, dass sowohl die Universität des Saarlandes (46 Prozent der Studierenden an der UdS sind Saarländer) als auch die „htw saar“ (74 Prozent) klassische Heimat-Hochschulen sind. Zweitens, dass viele dieser Daheimgebliebenen noch zuhause wohnen (UdS: 35 Prozent; htw: 45 Prozent). Drittens bestätigt die neue Studie, dass das hochschulpolitische Interesse gering ist: Für die Arbeit des AStA interessiert sich mehr als die Hälfte der Befragten beider Hochschulen nicht. Soll man es positiv wenden?: Immerhin ein gutes Drittel bekundet Selbiges. Spiegelte sich dies bei den an diesem Freitag zu Ende gehenden Wahlen zum Studierendenparlament an der UdS wider, man müsste jubilieren. Zuletzt dümpelte die Wahlbeteiligung dort im einstelligen Bereich.​

Jeder zweite saarländische Studierende will hier bleiben​

Viertens erfahren wir aus der neuen Studie „Studieren im Saarland“ – initiiert von der Kooperationsstelle Wissenschaft und Arbeitswelt (KoWA) und von der Arbeitskammer finanziert – , dass fast die Hälfte der hierzu gesondert befragten saarländischen Studenten gerne hier Arbeit finden möchten. In Kenntnis der ausgeprägten hiesigen Heimatverbundenheit ist dies nicht verwunderlich.​

Allerdings – und hier wird es interessant – kleben auch die saarländischen Studierenden nicht so sehr an ihrer vertrauten Umgebung, dass sie diese bei besseren Jobangeboten nicht auch mehrheitlich (!) verlassen würden. Es ist dies nicht der einzige Befund der Online-Erhebung zu den Lebensumständen und Zukunftsplanungen von Studierenden im Saarland (Rücklaufquote: 15 Prozent, sprich 3500 Studierende), aus dem sich Schlussfolgerungen für Politik und Hochschulen ableiten lassen.​

Dieser Tage wurde die Studie unter Leitung der mittlerweile in Kaiserslautern lehrenden Juniorprofessorin Freya Gassmann im Rahmen einer Podiumsdiskussion mit Wissenschaftsminister Jakob von Weizsäcker und den beiden für Studium und Lehre verantwortlichen Vizepräsidenten der beteiligten Hochschulen – Dr. Tina Hellenthal-Schorr (UdS) und Prof. Andy Junker (htw) – vorgestellt und diskutiert.​

Viele kommen aus Nicht-Akademiker-Familien​

Schaut man sich das Sozialprofil an beiden Hochschulen auf Basis der Befragungen an, zeigen sich folgende Ergebnisse: 1) 59 Prozent der an der Studie teilnehmenden UdS-Studierenden waren Frauen (htw: 47 Prozent), was in der Tendenz der differierenden Geschlechterverteilung an beiden Hochschulen entspricht. 2) Rund 16 Prozent der Studierenden beider Bildungsstätten haben einen Migrationshintergrund. Bemerkenswert ist 3), dass 46 Prozent der Befragten an der UdS angeben, nicht aus einem Akademikerhaushalt zu kommen, an der htw sind es sogar fast Zweidrittel. Da fast jede/r sechste Studierende an der (auf Deutsch und Englisch durchgeführten und damit ausländische Studierende einschließenden) Onlinebefragung teilnahm, darf sie als repräsentativ gelten.​

Ihr interessantester Befund, was die Studienfinanzierung anbelangt, lautet: Mehr als die Hälfte der Studierenden beider Hochschulen jobbt nebenbei (UdS: 53 Prozent, htw: 57). Nur sieben bis acht Prozent geben an, Studium und Job „meistens nicht“ vereinbaren zu können. UdS-Studierende haben im Schnitt monatlich 725 Euro zur Verfügung, htw-Studenten (weil häufiger jobbend) 794 Euro. Rund 45 Prozent gehen für die Miete drauf, knapp 20 für Lebensmittel. Überwiegend kommen die Befragten mit ihrem Geld eher gut über die Runden – auch deshalb, weil sie häufig auch von ihren Eltern finanziell unterstützt werden, was wiederum den niedrigen Anteil der BAföG-Bezieher (12 Prozent an der UdS bzw. 14 Prozent an der htw) erklärt.​

Praktika als wichtiges Sprungbrett in den Beruf​

Was die Schnittstellen zwischen Studium und Beruf anbelangt, so zeigen sich markante, allerdings erwartbare Unterschiede, da die htw als „Hochschule der angewandten Wissenschaft“ stärker praxisorientiert ist: 42 Prozent der befragten HTWler geben an, durch Praktika Jobangebote erhalten zu haben (UdS: 21). Der Befund korreliert mit einer anderen Aussage: 37 Prozent der UdS-Befragten, jedoch 62 Prozent der htw-Immatrikulierten teilen mit, Unternehmen im Saarland zu kennen, die „bei der Verwirklichung der beruflichen Ziele hilfreich sein können“.​

„Money talks“, meint der Minister​

Die anschließende Diskussion (Moderation: Dörte Grabbert von der Arbeitskammer) hatte wenig Erhellendes zu bieten: Dazu bot die Studie allerdings auch zu wenig Sprengstoff. Qualifizierte und gute Jobs seien ein wichtiger Standortfaktor, um eine Abwanderung von Absolventen zu verhindern, meinte Finanz- und Wissenschaftsminister Jakob von Weizsäcker, der folgerte, dass auch insoweit die Transformation der saarländischen Wirtschaft gelingen müsse. Im Übrigen gelte „money talks“: Die Bezahlung muss stimmen. Dass viele Studierende unpolitisch sind, steht für htw-Vizepräsident Andy Junker im Zusammenhang mit der infolge des so genannten Bologna-Prozesses einhergegangenen Verschulung des Studiums. Weil Studieren heute „sehr zielgerichtet“ sei, ließen sich Studierende nur noch schwerlich für die Gremienarbeit gewinnen.​

Deutlich bessere Berufschancen​

Tina Hellenthal-Schorr gab zu bedenken, dass es infolge des demografischen Faktors und des damit erhöhten Fachkräftebedarfs heute deutlich leichter sei, „individuelle Bildungsbiografien“ zu leben. Dies erklärt zum Teil auch, weshalb gut 40 Prozent der befragten Studierenden an UdS und htw laut Studie keine Präferenz hinsichtlich des Ortes ihrer „geplanten späteren Erwerbstätigkeit“ äußern: Der Wettbewerb um gut Ausgebildete bedingt, dass man Arbeitsstellen häufig aussuchen kann. Wie meinte Arbeitskammer-Hauptgeschäftsführer Thomas Otto doch eingangs völlig zurecht: Mit guten Jobangeboten aber ließen sich Absolventen im Land halten. Wobei man hinzufügen könnte: Da die Saarländer ohnedies früher oder später gerne zurückkommen, könnten ruhig ein paar mehr in die weite Welt hinausziehen – sofern im Gegenzug mehr Nicht-Saarländer hier blieben.​